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Ein Plädoyer für Paare, die sich mit offenem Herzen begegnen möchten.

Es bleibt zwischen Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen, den nur die Liebe, und auch nur mit einem Notsteg, überbrücken kann.– H. Hesse

Wenn das Leben eine Schule ist, dann ist eine Paar-Beziehung eine Art Elite-Universität, schreibt Eva-Maria Zurhorst. Ich möchte hinzufügen: es braucht keinen Numerus clausus um an ihr zu lernen. Die einzige Voraussetzung ist die Bereitschaft, die Beziehung als eine Art Forschungsprojekt zu betrachten. Die Sehnsucht, wirklich echt und voll da zu sein und nichts zu vertuschen, muss größer sein als die Hoffnung oder der Glaube: wenn ich nur den richtigen Partner habe, dann geht alles von alleine gut. Der Wunsch zu wachsen oder auch zu erwachen und hinter unsere Fassaden zu schauen muss größer sein als die Versuchung, die Augen zu verschließen und zu hoffen, das Leben möge mich erfüllen ohne dass ich mich erfülle. Anders ausgedrückt: um unsere Paarbeziehung für unser Wachstum zu nutzen, braucht es, den Fokus auf das Bewusstmachen dessen, was wirklich ist, zu legen. Und dafür müssen beide Partner den Wunsch haben, ihr Erleben wahrzunehmen, ernstzunehmen und dem anderen mitzuteilen. Ja, es ihm auch dann zuzumuten, wenn zu erwarten ist, dass es Schmerz verursachen könnte (wohl bemerkt, es geht darum, das eigene Erleben mitzuteilen, nicht darum, dem Partner zu erklären, wie oder wer er ist). Es braucht also auch Mut. Allerdings wird dieser Mut meist bald belohnt – statt dass der ausgeblendete Teil sich durch die Hintertür einschleicht, kann mit dem, was sowieso da ist, umgegangen werden.

Die häufigste Falle in unseren Paarbeziehungen sind vielleicht die Introjekte. Das sind Glaubenssätze, die wir unbewusst in uns tragen und die meist ungefähr so lauten: Man sollte… soundso sein, man muss das und das tun…, als Mann muss man…, als Frau muss man.., man darf nicht…und wenn das und das, dann das und das…
All diese Denkmuster halten uns gewissermaßen in einer bestimmten Art zu Sein gefangen, sie führen dazu, dass wir bestimmte Gefühle nicht haben wollen, nicht fühlen wollen, nicht wissen wollen… Aber nur wenn das, was da ist, auch da sein darf, entsteht Lebendigkeit, echter Kontakt, Wandlung und Wachstum.
Oft ist es die Angst vor dem Alleinsein, die uns dazu bringt bestimmte Gegebenheiten nicht sehen zu wollen. Der zu erwartende Schmerz scheint so groß zu sein, dass wir lieber die Augen verschließen und klein bleiben. Klein, wie ein Kind, das alleingelassen, wirkliche Not leidet. Die Erfahrung zeigt: Je weniger bedrohlich das Alleinsein für uns ist, umso mehr können wir uns in einer Beziehung wirklich öffnen. Denn je weniger wir Angst vor dem Verlust haben, desto echter können wir sein und desto mehr Nähe können wir auch zulassen. Da, wo wir bereit sind, wirklich alles zu riskieren, um unser Erleben nicht verfälschen zu müssen, wird der Kontakt lebendig, authentisch und somit Nahrung für unser Wachstum. Denn Wachstum kann immer nur von da ausgehen, wo wir gerade sind. Dann werden wir aufhören, uns anzustrengen, anders zu sein als wir sind, aufhören uns zu verbiegen, und unser Leben wird auf einmal wieder in Fluss geraten und die Dinge, die uns beschäftigen, werden sich wie von selbst ordnen und regeln.

Wie entsteht ein gutes Gespräch?

Wenn zwei Menschen immer dasselbe denken, ist einer von ihnen überflüssig.– Winston Churchill

Wann haben Sie das letzte Mal ein gutes Gespräch geführt?
Woran haben Sie gemerkt, dass es ein gutes Gespräch war?

Was den Zauber eines guten Gespräches ausmacht, lässt sich nicht mit einem Satz sagen. Wir fühlen uns energiegeladen, aufgeräumt, angeregt oder tief berührt. Wir genießen den Augenblick der Nähe und Präsenz – das Hier und Jetzt. In einem guten Gespräch können neue Gedanken entstehen und ungewohnte Perspektiven eingenommen werden. Im Gegensatz dazu reproduzieren wir in den meisten Gesprächen nur bereits Gedachtes oder wir halten Ausschau nach Argumenten, die unsere bereits gefällten Urteile bestärken könnten.
Eine Voraussetzung für ein gutes Gespräch ist es anzuerkennen, dass es nicht DIE EINE WAHRHEIT gibt.
Jeder von uns schaut durch seine eigene Brille, die im Laufe unseres Lebens aufgrund unserer individuellen Erfahrungen entstanden ist. Sie funktioniert wie ein Filter. Alles, was wir wahrnehmen, wird schon von ihr geformt. Wenn wir nicht bewusst mit dieser Subjektivität umgehen, laufen wir Gefahr, das, was wir durch unsere Brille sehen, für die ungeschminkte Wahrheit zu halten.

Um ein gutes Gespräch zu erleben ist außerdem eine wertschätzende Haltung unerlässlich.

Wertschätzung beginnt mit dem Raum, den wir unserem Gegenüber und uns eröffnen, in dem wir unser Erleben wechselseitig ausbreiten können, um es für uns selbst und für den anderen erfahrbar zu machen. Mit anderen Worten: ein gutes Gespräch braucht Zeit und einen angemessenen Rahmen, in dem es stattfinden kann.
Außerdem braucht es unsere Ehrlichkeit und Offenheit. Wir müssen unsere Wahrnehmung beschreiben, ohne uns schon gleich auf eine Analyse oder ein Urteil darüber festzulegen bzw. das Erleben unseres Partners anerkennen ohne ihn gleich in eine Schublade zu packen oder zu beurteilen. Anerkennen, was der andere erlebt, bedeutet nicht unbedingt, seinem Umgang damit zuzustimmen.
Und es braucht auch nicht die Zustimmung unseres Gegenübers dafür, dass wir uns selbst so zeigen, wie wir sind. Unsere Wahrnehmung oder unsere Meinung zu zeigen ohne auf Bestätigung vertrauen zu können braucht etwas Mut oder auch eine gewisse Radikalität. Unsere Authentizität muss uns wichtiger sein als die Zustimmung unseres Partners.

Wir alle haben Bewertungen, Vorurteile und Meinungen. Damit ein Gespräch nicht bloß ein reflexhafter und damit langweiliger Austausch dieser Urteile darstellt, ist es hilfreich, sie in einer Art Schwebe zu halten und die Auffassung unseres Gesprächspartners als Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, ohne uns festzulegen ob wir es auch so sehen oder nicht. Die Haltung für ein gutes Gespräch ist also eher die eines Forschers, der etwas in Erfahrung bringen möchte, als die eines Politikers, der nur eine unveränderbare Meinung vertritt und dessen Hauptanliegen das Aussenden derselben ist.
Wenn wir wirklich etwas Neues erfahren wollen und dem Gespräch die Chance einräumen, dass es uns eine neue Perspektive eröffnet, ist es unerlässlich, dass wir uns in den anderen einfühlen und den Wert, den seine Sichtweise hat, schätzen lernen. Selbst wenn sich uns der Sinn, seiner Wahrnehmungen und Gedankengänge nicht gleich eröffnet, ist es hilfreich sie anzuerkennen und die Andersartigkeit unseres Gesprächspartners zu respektieren.
Jeder Mensch schaut anders und jede Sichtweise hat ihren Sinn. Mit uns Menschen ist es wie mit unseren Organen: der Darm kümmert sich um die Aufnahme der Nährstoffe, die Leber sorgt für deren Umwandlung, die Niere ist für die Entsorgung zuständig. Ein jedes hat seinen Wert und leistet seinen Beitrag für das Ganze.

Je offener und präsenter wir im Kontakt sind, desto wahrscheinlicher entstehen unerwartete Reaktionen in uns und in unserem Gesprächspartner. Wir werden berührbar und aufmerksam für unser Erleben. Wir spüren vielleicht, wie sich etwas in uns zusammenzieht oder sich entspannt. Manchmal kommt unerwartete Freude auf und manchmal entsteht Traurigkeit in einem Moment, der sonst mit Zorn einherging.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Für ein gutes Gespräch brauchen wir Zeit, Ehrlichkeit, Offenheit, Respekt und Wertschätzung.
Manchmal passiert dann etwas sehr Schönes: Es entsteht eine gemeinsame, heilsame Stille.